Erinnern ist nichts für einen allein: Irmgard Heiss, ein Opfer der T4-Aktion 1939 – 45

Diese Seite ist dem Erinnern an meine Großtante Irmgard Heiss gewidmet, deren Schicksal von ihrer Familie lange totgeschwiegen wurde.

Im Mai 2011 wurde in Detmold, vor dem Haus Hubertusstraße 10, ein Stolperstein für Irmgard Heiss, geb. Stellbrink verlegt. Irmgard Heiss wurde mit 47 Jahren ein Opfer der Krankenmorde in der Zeit des NS-Regimes. Über ihr Schicksal wurde in der Familie nur in Andeutungen gesprochen. 1997 fand ich ihre letzten Briefe an die Familie und konnte mehr über ihr Leben in Erfahrung bringen. Eng mit ihrem Schicksal verbunden ist auch dasjenige ihres Bruders Karl Friedrich Stellbrink, der 1943  hingerichtet wurde. Mit diesem Text möchte ich dazu beitragen meiner Großtante Irmgard ihren Platz im Erinnern zurück zu geben.

Irmgard Heiss

Irmgard S. ca.1917

Die Geschwister Irmgard (1897 – 1944) und Karl Friedrich (1894 -1943) wuchsen in Detmold, Hubertusstr. 10 auf. Sie standen sich in der Geschwisterreihe von fünf Kindern nahe und ihre Lebenslinien blieben eng verknüpft. Eine psychische Erkrankung, verbunden mit einer Lebenskrise, veranlasste Irmgard Heiss 1924 um Unterstützung und Aufnahme in ihrem Elternhaus nachzusuchen.

1925 wurde sie jedoch in der Anstalt Lindenhaus/Brake aufgenommen. Sie blieb Zeit ihres Lebens in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen untergebracht ohne jemals die Hoffnung auf Genesung und ein Zusammenleben mit ihrer Familie aufzugeben.

Stattdessen wurde sie 1941 im Zuge der T4-Aktion von Lengerich in die Anstalt Weilmünster in Hessen transportiert. Dort waren die Patienten ab Herbst 1940 einem langsamen Verhungern ausgeliefert. Aufgrund der mangelnden Versorgung und der schlechten hygienischen Verhältnisse lag die Sterberate der Patienten in dieser Anstalt im Jahr 1942 schließlich bei 50%. Kurz vor ihrem Tod hatten die älteren Schwestern Irmgard Heiss ins Elternhaus geholt. Doch der Rettungsversuch kam zu spät. Irmgard verstarb 1944 in der Anstalt Lindenhaus/Brake an Tuberkulose, einer Folge der Umsetzung der sog. ‚wilden Euthanasie’ in der Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster.

Irmgard, ihr Bruder Karl Friedrich und Hildegard Diekmeyer, seine spätere Frau

Karl Friedrich Stellbrink, ihr Bruder und gleichzeitig Pflegevater ihrer zwei Söhne, hatte ihr Schicksal aufmerksam verfolgt und bis zu seiner Verhaftung 1942 mit den Anstaltsärzten korrespondiert. Nach einem Prozess vor dem Volksgerichtshof war er bereits 1943 zusammen mit drei katholischen Kaplänen hingerichtet worden: Die vier Geistlichen in Lübeck hatten es gewagt, die Kriegspropaganda anzugreifen und heimlich die Briefe des Kardinals von Galen aus Münster verbreitet, in dem dieser die Krankenmordaktionen offen und mutig anprangerte. Karl Friedrich Stellbrinks Handeln gemeinsam mit den drei Kaplänen der Herz-Jesu-Gemeinde in Lübeck hat jüngst endlich Respekt und Anerkennung erfahren.

Irmgards Geschichte war lange Zeit ein gut gehütetes Familiengeheimnis, von dem nur Bruchstücke unter der Hand berichtet wurden. Die Erinnerung an sie wurde weitgehend ausgelöscht. Auf ihre Tötung als „Ballastexistenz“ mit der Diagnose Schizophrenie folgte das Totschweigen durch das familiäre Umfeld aus Scham und Schuld. Erst in den 90er Jahren fand ich Irmgards Briefe aus den Anstalten Lengerich und Weilmünster und konnte Recherchen aufnehmen. Durch glückliche Umstände war auch die Krankenakte im Landesarchiv Detmold vollständig erhalten.

Die Einstellung, Menschen unter Leistungsgesichtspunkten zu beurteilen, spricht aus nahezu jedem Eintrag in dieser Patientenakte. Eine solche Haltung scheint auch heute längst nicht überwunden. Es gilt, was die Bildhauerin und Ehrenvorsitzende des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V. Dorothea Buck in diesem Zusammenhang gesagt hat: „Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern.“

Die Geschichte von Irmgard Heiss und genaue Informationen über die Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus können im Internet unter www.gedenkort-t4.eu/de/vergangenheit/opferbiografien nachgelesen werden. Dort finden sich auch Ausschnitte aus ihren Briefen, sodass die Person Irmgard Heiss eine Stimme erhält.